Von einer „sehr großen Ehre“ spricht Elza van den Heever. Auch von einer „Herausforderung“, wenn sie über die Bayreuther Neuinszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ spricht. Die gebürtige Südafrikanerin ist dort in diesem Sommer als Sieglinde in der Oper „Die Walküre“, dem zweiten Teil der Tetralogie, aufgetreten, 150 Jahre nach den ersten Bayreuther Festspielen mit der ersten zyklischen Aufführung des „Rings“. So viel zur Ehre. Als Herausforderung beschreibt die Sopranistin, die von 2008 bis 2013 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt war, die halbszenische Neuproduktion, in der mit Künstlicher Intelligenz Bilder aus der „Ring“-Geschichte auf Gazevorhänge geworfen wurden. Dazwischen hätten die Darsteller viel improvisieren müssen. Hilfreich sei es gewesen, dass die meisten, so wie sie und ihr Tenorpartner Klaus Florian Vogt als Siegmund, schon andernorts ihre Partien gesungen hätten.
Die Personenregie, die dem Bayreuther KI-Ring fehlte, hat Andrea Breth in ihrer Frankfurter Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ in der vergangenen Spielzeit bis ins Detail geboten. Als „physische Herausforderung“ beschreibt es die Sopranistin, wie sie die Prinzessin in starrer Pose darstellen und „lange die Spannung in Rücken und Armen“ halten musste. Für die ersten Vorstellungen der laufenden Wiederaufnahme-Serie von „Turandot“ ist sie nach Frankfurt zurückgekehrt und lobt die Regisseurin dafür, dass sie Input von den Sängern akzeptiert habe. „Die Turandot kann man nur als unsicheres, verletztes Mädchen darstellen oder aber als sehr stark und kühl – so wie hier.“
An der Oper Frankfurt zu sein, bedeute für sie immer auch, nach Hause zu kommen: „Frankfurt ist wie eine Umarmung, ich war so jung, als ich herkam. Hier ist ein sicherer Platz, hier wird sich um dich gekümmert.“ Intendant Bernd Loebe sei wesentlich verantwortlich gewesen für ihre weitere Karriere, die sie nach Bayreuth und Salzburg, an die Wiener Staatsoper oder die Mailänder Scala führte. Und an die New Yorker Metropolitan Opera, der sie die beste Akustik aller Bühnen bescheinigt.
„Deutsches Repertoire geht nur mit Mozart und Belcanto.“
Peter Gelb, deren Intendanten, bewundert sie dafür, trotz der schwierigen Lage für Kulturschaffende in Amerika „so positiv zu bleiben“. Nach Südafrika, wo sie 1979 in Johannesburg zur Welt kam, reise sie nur alle zwei bis drei Jahre; ihre Eltern leben noch dort, sie selbst wohnt in Südfrankreich, in der Nähe von Montpellier: „Da bin ich im vergangenen Jahr gerade einmal vier Wochen gewesen.“ Wenn sie dann doch einmal frei habe, wolle sie nicht „elf oder zwölf Stunden im Flieger sitzen“.
Ein schöner Zufall sei es gewesen, dass in New York, bei ihrem Debüt als Senta in Wagners Oper „Der fliegende Holländer“, Frankfurts Generalmusikdirektor Thomas Guggeis sein Debüt an der Met gab: „Ich mag seine Energie!“ Ob sie weitere Wagner-Partien wie Brünnhilde im „Ring“ oder Kundry im „Parsifal“ erarbeiten möchte? Das weist sie lachend von sich: „Wagner schreibt für dramatische Soprane so viel Mittellage.“ Ihre Stimme aber habe den Schwerpunkt „on the top“, ganz oben. Elsa im „Lohengrin“, Elisabeth im „Tannhäuser“ verkörpert sie gerne: „Deutsches Repertoire geht nur mit Mozart und Belcanto.“ Also: Wenn man auch Repertoire singe, das „die Stimme jung und auf der Linie hält“.
„Mehr von Richard Strauss“ möchte sie zukünftig erarbeiten, die Marschallin im „Rosenkavalier“, auch die Titelpartie in „Ariadne auf Naxos“. Eine ihrer frühen Opernerfahrungen in Frankfurt sei es gewesen, als Zuschauerin dessen Oper „Die Frau ohne Schatten“ zu erleben. Die Hauptpartie der Kaiserin hat sie seither andernorts selbst gesungen und schwärmt augenzwinkernd: „Diese Partie hat Strauss für mich komponiert, ohne es zu wissen.“ Auch mehr von Verdi wolle sie singen und verrät, dass sie es als eine „Befreiung“ empfinde, nach zahlreichen Neueinstudierungen Partien wiederholt zu erarbeiten. Das mag weniger an den Kräften zehren, kann künstlerisch aber dennoch gleichermaßen intensiv sein: „Ich war überrascht, wie sehr ich von der Wiedereinstudierung der Turandot hier in Frankfurt selbst berührt wurde.“ Die musikalische Leitung hat Kapellmeister Simone Di Felice von Thomas Guggeis übernommen.
Im Verhältnis zwischen Regisseur und Dirigent sei es für sie als Sängerin am wichtigsten, dass beide „auf Augenhöhe miteinander sprechen“ und sie auf der Bühne nicht „ins Kreuzfeuer“ gerate. Andrea Breths Frankfurter „Turandot“-Inszenierung, die Puccinis unvollendet gebliebene letzte Oper mit dem Tod der Sklavin Liù enden lässt, diesem Fragment aber „Io tacerò“, ein Auftragswerk der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti voranstellt, sei sehr inspirierend.
Auf eine weitere Neueinstudierung von „Turandot“ freut sich van den Heever gleichwohl ebenso, nur aus anderem Grund. Wenn sie die Titelpartie Ende dieses Jahres in Paris übernimmt, wird sie nämlich erstmals das nachkomponierte Finale von Puccinis Zeitgenossen Franco Alfano singen, mit dem abrupten Happy End für Turandot und ihren Calaf: Sehr kraftvoll, sehr wirkungsvoll sei es, sagt sie, und lacht: „Das ist einfach wie eine Pizza!“